Thema des Monats Februar 2008

 

Geht Liebe durch den Magen???

 

Die alte Weisheit „Liebe geht durch den Magen“ enthält viel Wahrheit. Wer freut sich nicht, wenn er mit seinem Leibgericht überrascht wird? In meiner Studienzeit gab es daheim immer eins meiner Lieblingsgerichte, wenn ich meine Eltern besuchen kam und es war auch ein Beweis der Zuneigung, die meine Eltern für mich empfanden.

Ein gutes Essen im Freundes- oder Familienkreis ist immer ein besonderes Erlebnis für Körper und Seele.

Niemand käme jedoch auf die Idee, täglich sein Leibgericht und dazu noch zuviel davon zu essen.

Leider ist unsere Esskultur auf dem besten Wege, dem amerikanischen Vorbild zu folgen und Fastfood - Ketten wie McDonalds und Co. haben die Jugendlichen hierzulande schon fest im Griff.

Den Folgen dieser Essgewohnheiten, verbunden mit zuckerhaltigen Getränken, begegnen wir tagtäglich. Die Zunahme deutlich übergewichtiger Menschen, darunter leider auch viele Kinder und Jugendliche, ist Thema für Ärzte und Ernährungswissenschaftler.

Wer sich Gedanken über seine Ernährung macht, weiß, dass ein Gleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch herrschen muss. Ebenso ist wohl inzwischen bekannt, dass der häufige Verzehr von frischem Obst und Gemüse nicht nur dem Übergewicht vorbeugen kann, sondern zudem den Körper mit lebensnotwendigen Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen versorgt.

Auch ist bekannt, dass ein Zuviel an Zucker und Fett in Form von Fettpolstern gespeichert wird.

Warum also gelingt es uns einfach nicht, zu einer Zeit wo Lebensmittel jeder Art zu bekommen sind, uns gesund und ausgewogen zu ernähren?

Die Antwort liegt auf der Hand: durch Fastfood, Fertiggerichte und Lieferservice wird uns vermeintlich die Verantwortung für die eigene Ernährung abgenommen. Hinzu kommt noch teilweise regelrecht irreführende Werbung, die uns beispielsweise Nutella oder Milchschnitte als besonders „gesunde“ Nahrungsmittel verkaufen möchte, obwohl diese Produkte überwiegend aus Zucker und Fett bestehen.

Als Krönung der Kochkunst gilt ja heutzutage schon, Fleisch anzubraten und irgendein fertiges Würzmittel hinzuzufügen. Tiefkühlpizza, Fertiggerichte und bereits küchenfertig vorbereitete Fleischwaren reduzieren zwar die zeitraubende Küchenarbeit, aber kaum jemand macht sich die Mühe, zu hinterfragen, welche Zusätze eventuell enthalten sind und ob damit wirklich die Anforderungen an eine ausgewogene Ernährung erfüllt werden.

Als Folge der Fehler bei der menschlichen Ernährung sehen wir Tierärzte uns in zunehmendem Maße auch mit fütterungsbedingten Gesundheitsproblemen bei unseren Haustieren konfrontiert.

Eine kurze Rückschau auf die menschliche Gemeinschaft mit Tieren zeigt uns, dass bis vor gar nicht allzu langer Zeit die Tiere die Reste der menschlichen Nahrung bekamen, Schlachtabfälle, Knochen und die Reste vom erlegten Wild, Kartoffeln und Gemüse, die bei Tisch übrig geblieben waren. Katzen fingen in erster Linie Mäuse und bekamen ein Schälchen Milch hingestellt.

Kaninchen wurden als Fleischlieferanten gehalten, bekamen geschnittenes Gras und im Winter Heu.

Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Zuckerkrankheit, chronisches Nierenversagen, Zahnerkrankungen, Harnsteine oder Übergewicht waren eher selten anzutreffen. Mangelerscheinungen bei Hausieren gab es hingegen meistens nur dann, wenn die Menschen ebenfalls nichts zu essen hatten.

Wenn man sich die Ernährung der Ahnen unserer domestizierten Tiere anschaut, gewinnt man weitere Erkenntnisse.

Hunde und Katzen sind „Beutetierfresser“, was bedeutet, dass sie ihre Beute im wahrsten Sinne „mit Haut und Haaren“ verzehren. Dabei nehmen sie mit dem Verdauungstrakt ihrer erlegten Beute auch pflanzliche Nahrung zu sich. Hierbei fällt auf, dass Katzen ihre Beute leichter erlegen können und mehrmals täglich in den Genuss einer Mahlzeit kommen, während ein Rudel von Hundeartigen durchaus nicht täglich Beute machen kann und die dazwischen liegende Zeit mitunter durch ausgegrabenes Wurzelwerk überbrücken muss. Und noch eine „Binsenweisheit“: Hunde und Katzen können nicht kochen!!!

Kaninchen und Meerschweinchen ernähren sich überwiegend von dem, was auf dem Boden wächst, Gras und Kräuter, ab und zu wird auch die Rinde niedriger hängender Zweige oder kleiner Bäume abgenagt. Mäuse und Hamster hingegen sind Körnerfresser und Ratten fressen so gut wie alles.

Ein Tier artgerecht zu ernähren bedeutet, sich zunächst über seine natürliche Ernährung zu informieren und diese möglichst genau umzusetzen.

Beginnen wir mit den Nagern, denn ihre Ernährung ist denkbar einfach. Meerschweinchen und Kaninchen bedürfen einer rohfaserreichen Grundkost, z.B. ein gutes Heu, dazu können dann je nach Jahreszeit frische oder getrocknete Kräuter, Löwenzahn, Giersch, Gänseblümchen oder Wegerich verfüttert werden. Außerdem werden Zweige zum Benagen gern angenommen. Ungeeignet hingegen ist Getreide und zuckerhaltiges Obst, weil die leicht verwertbaren Kohlenhydrate zum einen dick machen, zum anderen auch zu schweren Verdauungsstörungen führen können.

Mäuse und Hamster brauchen Körnerfutter, was mit etwas Grünfutter und eiweißhaltiger  Nahrung (Käse, Joghurt oder Mehlwürmer) kombiniert werden kann.

Ratten benötigen neben kohlehydratreicher Kost (Körnerfutter oder Brotreste) auch Eiweiß. Sie nehmen gern Mehlwürmer (nicht zu viel, da sehr fetthaltig), aber auch Käse, Fleisch oder Joghurt und frisches Obst.

Etwas mehr Aufwand bringt die artgerechte Ernährung der Hunde und Katzen mit sich. Rohes Fleisch versorgt den Körper mit Eiweiß und Eisen, Knochen führen ihm Kalzium und Phosphor zu, dienen außerdem zur Gebisspflege. Im grünen Pansen sind vorverdaute Pflanzenteile enthalten, deren Rohfasern notwendig für eine geregelte Verdauung sind, die obendrein aber auch als Lieferanten wichtiger Vitamine und Spurenelemente dienen.

In handelsüblichen Fertigfuttern ist meistens gemäß Analyse zwar all dies ebenso vorhanden, aber kaum etwas davon entspricht noch der ursprünglichen Form, auf welche die Verdauung ausgerichtet ist.

Nehmen wir als Beispiel die Eiweiße: beim Herstellungsprozess, der immer mit Erhitzung einher geht, werden diese denaturiert, das bedeutet, sie gerinnen und erhalten dadurch veränderte Eigenschaften, auf die einige Tiere mit Unverträglichkeit bis hin zu Allergien reagieren. Außerdem ist es entscheidend, ob es sich um hochwertiges Eiweiß aus Fleisch, Milch oder Eiern oder um minderwertiges aus Haaren, Klauen und Bindegewebe handelt. Die Analysenwerte sagen darüber leider nichts aus.

Einige Vitamine und die wichtigen ungesättigten Fettsäuren sind sehr hitzeempfindlich und werden beim Herstellungsprozess zerstört, so dass in der Regel anschließend künstlich hergestellte Vitamine zugesetzt werden, ungesättigte Fettsäuren sind im Allgemeinen in zu geringer Menge in Fertigfuttern enthalten.

So kann es, trotz hervorragender Analysenwerte, zu Mangelerscheinungen kommen. Besonders bei ausschließlich trocken ernährten Tieren kann man neben Übergewicht nicht selten stumpfes Fell und Schuppenbildung beobachten. Kleinere Hunde und Katzen haben oft Zahnstein, weil die handelsüblichen Fertigfutter keine Gelegenheit zum Kauen bieten.

Besonders dramatisch, und hier ist der Vergleich zum Menschen gestattet, ist die Zunahme deutlich übergewichtiger Tiere mit allen damit verbundenen Konsequenzen, wie Herz- und Gelenkerkrankungen und vor allem bei Katzen Diabetes (Zuckerkrankheit).

Damit sind wir wieder beim Thema angelangt – geht Liebe durch den Magen? Liebt mein Tier mich nur dann, wenn ich ihm ständig Futter verabreiche?

Vielleicht sollte man die Frage  einfach einmal umdrehen: ist es ein Zeichen von Tierliebe, wenn ich wider besseres Wissen meinem Tier durch zu viel und falsches Futter Schaden zufüge?

Laut Gesetz sind wir Tierärzte „die berufenen Schützer der Tiere“, Dazu gehört meines Erachtens auch, die Tiere vor gut gemeinten Fehlern in Haltung und Fütterung zu bewahren.

Leider werten viele Tierfreunde es als persönlichen Angriff, wenn der Tierarzt auf das Übergewicht des Patienten hinweist und schlagen diesbezügliche Ratschläge in den Wind. Im Sinne unserer Schützlinge wäre es sicher sinnvoller, vertrauensvoll zusammen zu arbeiten, und damit unseren vierbeinigen Freunden ein langes und gesundes Leben zu ermöglichen.

Ein schöner Spaziergang oder gemeinsames Spielen trägt sicher mindestens genau so viel zum Wohlbefinden der Tiere bei und macht nicht dick!